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BildungInklusion

Eltern wollen keine Sonderschule, sondern das Beste für ihr Kind – von Bernhard Schmid

Von 10. Juni 2016 1 Kommentar
BildungInklusion

Eltern wollen keine Sonderschule, sondern das Beste für ihr Kind – von Bernhard Schmid

Von 10. Juni 2016 1 Kommentar

Bernhard SchmidSteiermark ist derzeit wieder der Brennpunkt der schulischen Inklusion: Einerseits wurden dort gerade 30 Jahre erfolgreiche Schulintegration gefeiert. Heute werden 85% aller Schüler/innen mit sonderpädagogischen Förderbedarf in Regelschulen unterrichtet, ein österreichweiter Rekord! Andererseits wehrt sich das System mit Hilfe des steirischen Elternverbands vehement gegen die drohende Abschaffung der Sonderschulen: 24.000 Unterschriften wurden gesammelt und dem Parlament übergeben.

Wieder einmal wiederholt sich dieser Tage eine Geschichte, die symptomatisch ist für das Österreich von heute: ein Teil der Bevölkerung hat konkrete und berechtigte Sorgen, eine Partei oder ein Interessenverband springt auf, dramatisiert und vergrößert noch die Ängste, mit dem Ziel, dass sich ja nichts verändert und alles so bleibt, wie es ist.

Diesmal geht es um die Sonderschulen, die ins Hintertreffen zu geraten drohen.
Grund: Österreich hat sich zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und damit zur inklusiven Schule für alle Kinder verpflichtet. Nun fürchten einige Eltern, insbesondere von Kindern mit schweren Beeinträchtigungen, dass ihre Kinder in der Regelschule auf der Strecke bleiben, und setzen sich daher massiv für den Erhalt der Sonderschule ein.

Diese Sorge ist nachvollziehbar: wer, so wie heute, wenn überhaupt, oft nur die Wahl zwischen einer improvisierenden, chronisch unterausgestatteten Integrationsklasse, die es nur vormittags gibt, und einer bestens ausgestatteten Sonderschule mit Kleinklassen und Nachmittagsbetreuung hat, kann sich nur für die Sonderschule entscheiden.

Nun will aber der Elternverband steirischer Pflichtschulen gerade diesen Zustand mit allen Mitteln aufrechterhalten, kurioserweise unter dem Motto „Wahlfreiheit braucht Wahlmöglichkeit“. Dabei ist es gerade diese vermeintliche Wahlfreiheit, die die wertvollen, aber begrenzten sonderpädagogischen Ressourcen im Sonderschulsystem bindet und echte Wahlfreiheit für eine inklusive Regelschule für alle Kinder und damit eine Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität verhindert!

Mein Rat: Statt GEGEN die Abschaffung der Sonderschulen zu sein, sollte sich der Elternverband vielmehr FÜR die flächendeckende Einrichtung von inklusiven Schulen einsetzen. Damit würde er nicht nur den österreichweiten 62% (in der Steiermark sogar 85%) aller Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf in Regelschulen zu einem noch besseren Unterricht verhelfen, sondern auch den restlichen Kindern, die jetzt noch in Sonderschulen unterrichtet werden und allen anderen Kindern ohne Beeinträchtigung gleich mit!

Weil inklusive Schulen auf das unterschiedliche Entwicklungspotential und den Förderbedarf jedes einzelnen Kindes im Klassenverbund individuell eingehen.

Weil der Unterricht in inklusiven Schulen nicht nur von einem Lehrer, sondern von einem Lehrer- und Assistenzteam und auch den MitschülerInnen als Co-Lehrkräften getragen wird.

Und weil das natürliche Miteinander von unterschiedlichen Kindern Lernanreize für alle schafft und zu einer friedlicheren, lösungskompetenteren Gesellschaft von morgen sorgt.

Konkrete Konzepte für die Umsetzung gibt es schon genug. Es liegt an den PolitikerInnen in der Steiermark und der Bundesregierung, endlich für die notwendigen Rahmenbedingungen zu sorgen.

Über den Autor:
Mag. Bernhard Schmid
Vizepräsident Lebenshilfe Österreich
Generalsekretär Lebenshilfe Wien
Mitglied der Initiative Inklusion Österreich
Vater eines Sohnes mit Down-Syndrom

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  • Mich wundert die momentan entfachte SS-Debatte auch, nach einem Telefonat mit einer steirischen Berufsschullehrerin bin ich mir in meiner Einschätzung der statistischen Daten (700 Sonderschulkinder vs. 24.000 Unterschriften gegen SS) nicht mehr so sicher. Meine Bekannte meint, die Steirermark will alle SS abschaffen, ohne die dafür notwendigen Ressourcen bereit zu stellen. Das wäre eine Danaergeschenk für Inklsuionsbefürworter_innen. Ich sehe überhaupt keine Bemühungen von offiziellen Stellen, die „breite Mass“ für Inklusion zu begeistern. Es macht keinen Sinn, aus der Minderheitenposition heraus eine Umsetzung des NAPs zu erzwingen. Die Gegner der Inklusion sind viel lauter und besser organisiert als die Befürworter.

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