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InklusionUnterstützung

Stefan Doose über Inklusion durch Gesellschaftswandel

Von 11. November 2015 Keine Kommentare
InklusionUnterstützung

Stefan Doose über Inklusion durch Gesellschaftswandel

Von 11. November 2015 Keine Kommentare

Dr. Stefan Doose

Stefan Doose, Vorsitzender des Netzwerkes Persönliche Zukunftsplanung und Lehrer an der Fachschule für Sozial- und Heilpädagogik in Lensahn, spricht über traditionelle Gruppenangebote in Organisationen, über neue Unterstützungsformen und die Wichtigkeit der UN-BRK.


Interview im Rahmen des Lebenshilfe-Workshops zur Abschlusstagung des EU-Projekts „New Paths To InclUsion Network“ 6.-7.11.2015, Albert-Schweitzer-Haus, Wien.

Herr Doose, Sie arbeiten mit im europäischen Projekt „Neue Wege zu InklUsion“. Welche Inhalte stehen beim zweitägigen Workshop der Lebenshilfe im Vordergrund?
Das Thema des Workshops beschäftigt sich damit, wie wir soziale Felder kultivieren können. Sie sollen zum fruchtbaren Boden für neue Formen von Unterstützung und lebendigen Beziehungen werden. Es gilt die Möglichkeiten zu nutzen, wechselseitig von unseren Gaben zu profitieren und darum, wie Menschen einen bedeutungsvollen Beitrag im Gemeinwesen leisten können. Persönliche Zukunftsplanung und personenzentriertes Arbeiten sind ein großer Fortschritt, denn sie lenken den Blick auf die Person mit ihren oft zugedeckten Gaben, mit ihren Stärken und Fähigkeiten, aber auch mit ihren Interessen und Wünschen. Es können Vorstellungen für eine Zukunft entstehen, die über das hinausreicht, was sie sich bislang vorgestellt hatten.

Wie sehen Sie traditionelle Angebote von Behindertenorganisationen?
In der Behindertenhilfe haben wir vor allen Dingen in traditionellen Angeboten oft noch einen sehr starken Blick auf die Gruppe, auf Angebote für Gruppen von Menschen. Dabei müssen sich Menschen oft an das Angebot der Gruppe anpassen. Damit sie gut klar kommen, müssen sie für sich selbst als passend annehmen, was für die Gruppe angeboten wird. Die Gruppenleiter sind dabei oftmals die Bestimmer, die sozusagen ihre Bedürfnisse und ihre Kultur zur Leitkultur dieser Gruppe machen. Es geht dabei um Macht. Einerseits die Macht, Menschen zu unterstützen, aber auch die Macht, Menschen unter Kontrolle zu bringen, das zu tun, was man selbst für richtig empfindet.

Wie kann Unterstützung von Organisationen der Behindertenhilfe neu gedacht werden?
Der Weg zur Personenzentrierung ist ein ganz wichtiger Schritt, um für Personen mit Unterstützungsbedarf die passende Unterstützung zu finden, die für sie wirklich attraktiv ist. Noch ist es für ganz viele Einrichtungen ein großer Schritt, personenzentrierter zu werden. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir genauer zuhören können, was Personen mit Unterstützungsbedarf in ihrem Leben erreichen wollen. Wie wir unsere Unterstützung aus formalen Zwängen befreien können, hin zu einer wirklich hilfreichen Form. Dazu braucht es einen engen Dialog mit den betroffenen Menschen und mit ihren Familien, ein gutes Zuhören, was wirklich hilfreiche Hilfe für sie ist. Die große Leitfrage ist, wie gute Unterstützung für eine Person aussehen kann. Das verlangt andere Organisationsformen von Unterstützung. Personenzentrierung alleine greift zu kurz.

Was braucht es neben Personenzentrierung, um künftig gute Unterstützungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen anbieten zu können?
Das ist meiner Meinung nach Thema des heutigen Workshops. Wir merken etwa, dass die Lebensqualität eines Kindes mit Mehrfachbehinderung nur bedingt von Frühförderung alleine abhängt, sondern vielmehr davon, wie die Familie gestärkt worden ist. Ob sie auch in schwierigen Zeiten Unterstützung erfahren hat und gefragt wurde, was gebraucht wird. Zusätzlich ist die Einstellung des Umfeldes ausschlaggebend, beispielsweise ob das Kind im Kindergarten vor Ort willkommen ist und ob man es schafft, dort Unterstützung zu organisieren – das heißt es kommt auch auf die Einstellung im Gemeinwesen an, in dem die Person mit Unterstützungsbedarf lebt. Das bedeutet, wir brauchen neben personenzentrierter Unterstützung auch eine systemische Unterstützung. Dazu benötigt es Feldarbeit, wir müssen nachdenken, wie wir neue Unterstützungsformen finden und hilfreiche, einander stärkende Beziehungen aufbauen können.

Welche Schritte müssen gesetzt werden, um neben personenzentrierter Unterstützung auch eine systemische Veränderung herbeizuführen?
Dazu braucht es viele Veränderungen. Organisationen müssen einerseits Unterstützungsangebote neu denken. Auf der anderen Seite müssen aber auch die Unterstützer gestärkt werden. Diese müssen ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten erkennen und es muss ihnen Kompetenz zugestanden werden. Kompetenz meint auf der einen Seite Wissen und Fertigkeiten zu besitzen, auf der anderen Seite auch die Erlaubnis zu haben, den Schritt in Richtung Veränderung überhaupt tun zu dürfen.

Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis zur Umsetzung neuer Unterstützungsformen?
Es zeigte ein Beispiel aus der Zukunftsplanung, das wir heute gelernt haben, dass Moderatoren für Zukunftsplanung aus Zeitgründen oftmals gar nicht den Raum zur Ausübung haben. Interessant ist der Aspekt vor allem deswegen, weil die Personen mit Unterstützungsbedarf zum einen jahrelang in einer Einrichtung sind, aber auf der anderen Seite nicht genug Zeit vorhanden ist, über das Leben dieser Personen und darüber nachzudenken, wie eine gute Unterstützung für sie aussehen könnte. Dies erinnert an den Holzfäller, der keine Zeit hat seine Säge zu schärfen, weil er arbeiten muss.

Werden es künftig die traditionellen Organisationen der Behindertenhilfe sein, die neue Unterstützungsformen für Personen mit Bedarf anbieten?
Momentan sind Menschen mit Behinderung auf Organisationen angewiesen, wenn sie Unterstützung brauchen. Einerseits würde ich mir wünschen, dass sich diese Organisationen ändern. Auf der anderen Seite braucht es eine Gründerwelle, eine Gründergeneration von neuen Organisationen, in denen sich Leute zusammentun, die mit einer anderen Grundhaltung Unterstützung anbieten wollen. So wie damals vor ca. 50 Jahren als Elternvereine mit bestehenden Unterstützungsangeboten nicht mehr zufrieden waren und viele der heutigen Organisationen gegründet haben. Um eine andere Form von Dienstleistungen anbieten zu können, braucht es eigentlich eine Gründungswelle, die von der Grundhaltung her ganz anders ist als bestehende Angebote – viel flexibler und mit mehr Verbindungen in das Gemeinwesen. Meiner Meinung nach ist es leichter eine Kultur mit Personen aufzubauen, die mit demselben Spirit beseelt sind, als eine bestehende Kultur grundlegend zu ändern. Gleichwohl ist es nötig, das gewachsene System zu ändern. Ich glaube es braucht beides – die Etablierung neuer Organisationsformen, sowie die Veränderung bestehender Organisationen.

Es braucht also Veränderung in den Organisationen. Wie sehen zentrale Schritte aus?
Einrichtungen müsse Unterstützung neu denken, sie müssen neue Formen finden, die anpassungsfähiger sind. Darüber hinaus bedeutet Veränderung auch Machtübergabe an die Person mit Unterstützungsbedarf. Selbstbestimmung sagt sich schnell, heißt in der Praxis aber auch Machtübergabe. Betroffene müssen Wahlmöglichkeiten haben und darüber beraten werden, in welcher Form Unterstützung genommen werden kann. Dazu müssen die Organisationen im Gemeinwesen anschlussfähig sein. Sie müssen nachdenken, wie ein Beitrag geleistet werden kann, damit das Gemeinwesen ein gutes Gemeinwesen für alle Menschen wird. Es gilt der Frage nachzugehen, wie wir Beziehungen und Partnerschaften im Gemeinwesen aufbauen und wie wir ins Gemeinwesen investieren können. Sich darüber klar zu werden, was der Ort eigentlich braucht und wie auch Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Gaben einbringen und einen bedeutungsvollen Beitrag leisten können.

Konkret braucht es dazu Investitionen in den Sozialraum. Es braucht den Aufbau von neuen Partnerschaften sowie Verantwortungsübernahme. Das Gute ist, dass man es nicht alleine machen muss, man kann es mit anderen zusammen tun. Um die UN-BRK umzusetzen und die Charta der Vielfalt mit Leben zu erfüllen, ist es wichtig, im Gemeinwesen mit anderen Kräften bündnisfähig zu sein. Nicht nur die Frage nach Unterstützung von Menschen mit Behinderungen zählt, sondern insgesamt die Frage, wie ein inklusives Gemeinwesen aufgebaut werden kann.

Sie sprechen neben neuen Unterstützungsformen immer wieder von der Gestaltung des Gemeinwesens. Was verstehen Sie in diesem Sinn unter Zukunftsplanung?
Im Buch von Gerald Hüther „Kommunale Intelligenz“ (Kommunale Intelligenz. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2013) geht es darum, das Gemeinwesen stärker als Lernorte zu entdecken und Beziehungen aufzubauen. Alle Bürger und gerade junge Menschen müssen erkennen, dass wir nicht auf sie verzichten können, dass sie zur Gesellschaft beitragen müssen. Wir brauchen ihre Gaben, damit die Orte auch zukünftig zu guten Orten werden. In Ostholstein haben wir die Zukunftsplanung für den ganzen Ort gemacht. Wir haben darüber nachgedacht, wie der Ort auch angesichts des demographischen Wandels zukunftsfähig sein kann. Wie kann der Ort ein guter sein, in dem sich die Leute wohl fühlen und in dem alle willkommen sind. Dann ist Inklusion automatisch ein Thema. Es geht im Grunde um Lebensqualität, Verbundenheit, Verantwortungsübernahme für das Gemeinwesen, in dem ich lebe.

Wie können Menschen mit Beeinträchtigungen eingebunden werden?
Was sich sehr bewährt hat, ist Menschen mit Behinderungen im Gemeinwesen zu entdecken, sie zu ermutigen mitzugestalten und mitzuwirken, z.B. das sie zu Experten werden und selbst im Beirat für Menschen mit Behinderungen mit arbeiten. Bei einer Veranstaltung für inklusionsorientierte Verwaltung im Kreishaus haben Menschen mit Beeinträchtigung den Mitarbeitern der Kreisverwaltung erzählt, was sie benötigen, um gut teilhaben zu können. Dann haben die Mitarbeiter im Alterssimulationsanzug, blind, mit Simulationsbrillen oder Gehörschutz das Kreishaus und die Umgebung erkundet. Die Begegnungs- und Selbsterfahrungsprozesse sind sehr wichtig, sie helfen neue Beziehungen aufzubauen.

Kennen Sie ein Best Practice Beispiel für neue Unterstützungsformen? I
n Ontario in Kanada gibt es die Rolle der „Independent Facilitation“, in der unabhängige Moderatoren Zukunftsplanungsprozesse für Menschen mit Unterstützungsbedarf moderieren, die noch nicht in einer Einrichtung sind bzw. sich verändern wollen. Dabei überlegen sie, wie eine sinnvolle Unterstützung aussieht. Sie stellen die Verbindung ins Gemeinwesen her und organisieren mit einem persönlichen Budget die passende Unterstützung für die jeweilige Person. In dieser Herangehensweise stehen Pflege und Verbindungen in ein Netzwerk, nicht die alltägliche Unterstützung, im Vordergrund. Solche Rollen und Möglichkeiten haben wir momentan noch gar nicht. Es wäre also an der Zeit, die unabhängige Moderation und Prozessbegleitung zu erproben und neue flexible Assistenzdienste und Inklusionsangebote zu entwickeln. Dies tut auch dem System gut. Es schafft neue echte Wahlmöglichkeiten. Die Dienste würden mit Sicherheit gewählt werden. Und dies würde bestehenden Diensten deutlich machen, dass sie ein Problem bekommen, wenn sie sich nicht ändern und die Menschen eine echte Wahl hinsichtlich ihrer Unterstützung haben.

Wie kann ein inklusives Gemeinwesen aufgebaut werden? Welche Ziele verfolgen Sie mit der inklusiven Modellregion der Lebenshilfe Ostholstein?
Die Lebenshilfe in Ostholstein hat ein Projekt namens „Ostholstein erlebbar für alle“. Um die UN-BRK umzusetzen, machen wir Aktionspläne zusammen mit Kommunen. Dazu werden Menschen mit und ohne Behinderung zu Experten für Barrierefreiheit ausgebildet. Es ist der Versuch Prozesse anzustoßen, Saat zu pflanzen, auch wenn man nicht weiß, ob alles wachsen wird. Daneben koordiniert die Lebenshilfe Ostholstein jetzt auch die Flüchtlingshilfe in Bad Schwartau, weil wir das Motto „Ostholstein erlebbar für alle“ ernst meinen müssen. Und wenn wir Inklusion ernst nehmen, müssen wir uns ansehen, was der Ort braucht. Jetzt braucht er Flüchtlingshilfe. Es geht um die inklusiven Grundhaltungen wie wertschätzend und offen zu sein und Vielfalt willkommen zu heißen. So wie wir sie uns auch für eine behinderte Familie, ein behindertes Kind wünschen, auch hier brauchen wir eine Willkommenskultur.

Wie wichtig ist die UN-BRK als Referenzrahmen zur Umsetzung von Inklusion für sie?
Die UN-BRK ist ein wunderbar herausforderndes Programm für die nächsten 20 Jahre. Dadurch werden die allgemeinen Menschenrechte aufgerollt, um festzustellen, was es für Menschen mit Behinderung braucht. Beispielsweise handelt es sich bei Artikel 19,“unabhängige Lebensführung in der Gemeinde“ um ein die bisherige Organisation im Wohnbereich herausforderndes Umbauprogramm: Wohnen wo und mit wem ich möchte, sich aussuchen, von wem man unterstützt werden möchte und das Recht auf persönliche Assistenz. Dies sind alles Dinge, die heute gerade für Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf noch nicht selbstverständlich sind und neue Formen der Unterstützung im Lebensbereich Wohnen erforderlich machen. Gleichzeitig müssen sich auch die Einrichtungen des Gemeinwesens öffnen, um für Menschen mit Behinderung zugänglich zu sein. Es stehen viele wichtige Punkte in der UN-BRK, zum Beispiel auch Artikel 24, zur Bildung. Hier ist gerade in Deutschland, noch viel zu tun, um den organisatorischen, pädagogischen und curricularen Rahmen zu schaffen, der gemeinsames Lernen zu einer guten Erfahrung für alle Beteiligten macht. Dabei soll die Behindertenrechtskonvention stets in Zusammenhang mit den allgemeinen Menschenrechten gesehen werden. Wenn wir inklusiv denken ist es wichtig, dass die Menschenrechte einerseits für Menschen mit Behinderung gelten, andererseits müssen wir aber auch unseren Blick weiten, um das Gemeinwesen zu einem lebendigen Gemeinwesen für alle zu machen.

Haben Sie einen Leitspruch?
Mein Motto ist „Zukunftsplanung zieht Kreise“. Wir fangen an über eine einzelne Person nachzudenken, mit ihren Stärken und Fähigkeiten, Gaben und Wünschen. Um weiterzukommen und Unterstützungsformen zu ändern, müssen wir mit Organisationen zusammenarbeiten. Wir brauchen breitere Netzwerke, um überhaupt einen Unterstützungskreis hinzukriegen, um Sachen bewegen zu können. Wir müssen im Gemeinwesen partnerschaftsfähig und auf Augenhöhe mit Leuten sein, die Lust haben etwas zu bewegen. Dann kommt man auf die politische Ebene, wo mit Verantwortlichen im Gemeinwesen und durch Kurzschlüsse zwischen der direkten Lebenssituation von Menschen und der politischen Situation Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, das Feld so zu beackern, dass Teilhabe in Verbundenheit wachsen kann.

Kurzbiographie Dr. Stefan Doose
Stefan Doose lebt in Lübeck und arbeitet in Ostholstein an der Ostsee im Norden Deutschlands. Studium an der Ev. Hochschule für Sozialpädagogik des Rauhen Hauses in Hamburg, der Universität Bremen und der University of Oregon in den USA. Sozial-, Behinderten- und Berufspädagoge, Diakon. 1996-2001 Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung (BAG UB). Promotion an der Universität Bremen 2006 zur beruflichen Integration von Menschen mit Lernschwierigkeiten durch Unterstützte Beschäftigung. Er arbeitet jetzt als Lehrer an der Fachschule für Sozial-und Heilpädagogik in Lensahn. Er koordiniert mit einigen Stunden die Erstellung eines Aktionsplanes Inklusion „Ostholstein, erlebbar für alle“ zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention für den Kreis Ostholstein. Mitarbeit im europäischen New Path to InclUsion Projekt. Vorsitzender des Netzwerkes Persönliche Zukunftsplanung. Frei-und nebenberufliche Tätigkeiten als Dozent, Autor, Projektentwickler, Forscher, Zukunftsplaner für Personen, Organisationen und Regionen.

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