„Es braucht Menschen, die einem etwas zutrauen,
die an einen glauben, dann schafft man sehr viel!“
So einfach dieser Satz einer jungen Frau mit Behinderung klingt, so fundamental ist er für echte Teilhabe. Ich habe ihn mir vor Kurzem bei einer Tagung in Kärnten zum Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt“ notiert. Der Schwerpunkt lag auf der Teilhabe von Menschen mit intellektueller Behinderung außerhalb von „Behindertenwerkstätten“.
Was die Konferenz besonders relevant und lebensnah machte: Es sprachen Betroffene, ihre Angehörigen und Mentoren über ihre Erfahrungen aus der Praxis. Da war Alexander V., der fast 20 Jahre in einer Werkstätte für ein Taschengeld, ohne regulären Lohn und ohne Sozialversicherung, gearbeitet hatte. Irgendwann äußerte er einen Wunsch, der in einer inklusiven Gesellschaft eigentlich selbstverständlich sein müsste: eine Anstellung mit echtem Gehalt zu finden.
Alexander V. hatte „Glück“. Er bekam einen Platz im Pilotprojekt „Reallabor“, finanziert vom Land Kärnten und umgesetzt durch unterschiedliche Trägerorganisationen. Dort erhielt er das Training, das er brauchte, individuelle Förderung, Unterstützung bei Behördengängen, aber vor allem auch Ermutigung, wenn ein Praktikum in einem Betrieb nicht funktioniert hat. Seit letzten Sommer hat Alexander V. eine fixe Anstellung bei einem großen Möbelhaus. Er ist sozialversichert, verdient sein eigenes Geld und will jetzt von zu Hause ausziehen.
Auch Elisabeth K. war jahrelang in einer Tagesstruktur. Ehemalige Betreuungspersonen beschrieben sie als zurückgezogen, schwer motivierbar, auch weil einige Versuche, außerhalb zu arbeiten, gescheitert waren. Im Projekt wurde zunächst ein genaues Fähigkeitsprofil erstellt und analysiert, warum frühere Arbeitsversuche nicht funktioniert hatten. Seit letztem Jahr hat Elisabeth K. eine fixe Anstellung in einem Bäckerei-Café in Klagenfurt. Dort wurde sie durch Arbeitsassistenz in der Einarbeitung begleitet – Schritt für Schritt, mit Struktur und dem Aufbau von Vertrauen. Sie tritt jetzt selbstbewusst und modisch auf, und sie ist mit ihrem Partner in eine eigene Wohnung gezogen. Ihr Arbeitgeber ist sehr froh eine so loyale und engagierte Mitarbeiterin gefunden zu haben.
In beiden Erfolgsgeschichten geht es nicht um Wunder. Es geht um passgenaue, personenzentrierte Lebensbegleitung, um hohe fachliche Qualifikation der unterstützenden Fachpersonen, um Arbeitgeber, die Offenheit leben und um Politik und Verwaltung die Rahmenbedingungen schaffen. Für das Kärntner Projekt wurde sogar eine eigene „Experimentierklausel“ aktiviert, um bürokratische und gesetzliche Hürden aus dem Weg zu räumen.
Doch die Geschichten von Alexander V. und Elisabeth K. sind in Österreich (und auch Deutschland) noch immer Ausnahmen. Nicht, weil es grundsätzlich unmöglich wäre, Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf den Zugang zu einer echten Anstellung zu ermöglichen. Im Gegenteil: Beispiele wie diese zeigen, dass es geht wenn man es ernst meint.
Warum ist Teilhabe Zufall?
Warum hängt so viel davon ab, ob gerade ein Pilotprojekt läuft, ob eine engagierte Fachkraft verfügbar ist, ob ein Betrieb „mutig genug“ ist, ob jemand die richtigen Ansprechpartner kennt? Wahlfreiheit, also die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, ob, wie und wo man arbeiten möchte ist für viele Menschen mit intellektueller Behinderung faktisch nicht gegeben, obwohl Arbeit ein Menschenrecht ist. Noch komplizierter wird es dadurch, dass in Österreich für diese Personen neun unterschiedliche Landesgesetzgebungen gelten. Wer welche Chancen bekommt, hängt damit von Wohnort, Zuständigkeiten und einer Art Geburtslotterie ab.
Wenn ich über Inklusion am Arbeitsmarkt nachdenke, drängt sich mir allerdings eine größere Frage auf: Wie sieht dieser Arbeitsmarkt eigentlich aus, an dem wir Teilhabe fordern? Bietet er für alle Menschen – mit und ohne Behinderung – überhaupt noch „gesunde“ Rahmenbedingungen?
Ich beobachte ein Wirtschaftssystem, das auf Massenkonsum und Wegwerflogik setzt. Mir scheint, als müssten Menschen sich permanent optimieren, immer effizienter und verfügbarer werden. Und nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu und viele Menschen fragen sich, ob es ihren Job in Zukunft überhaupt noch geben wird. Währenddessen konzentriert sich Wertschöpfung und Profit zunehmend auf immer weniger Konzerne, die digital den Takt vorgeben.
Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: Wie ermöglichen wir Teilhabe am Arbeitsmarkt? Sondern auch: Wie soll dieser überhaupt aussehen? Warum wird wertvolle Care-Arbeit in Pflege und Kindererziehung nicht honoriert? Warum besteuern wir Arbeit überproportional hoch? Ich glaube, diese Fragen wird sich in Zukunft ein viel größerer Teil der Gesellschaft stellen, nicht nur für Menschen mit Behinderung. Und vielleicht liegt genau darin eine Chance: Arbeit grundsätzlich neu zu denken und zu überlegen, wie wir aus einem Wirtschaftssystem, das Menschen verbraucht, eines zu gestalten, das den Menschen dient!
Dieser Kommentar von Philippe Narval erschien auch in der Zeitschrift Menschen Heft 1/2026.
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