Schafft endlich die Sonder-Schulen ab!

Ein junges Mädchen mit Brille und geblümtem Kleid lächelt neben einer Frau mit blauem Blazer und weißem Hemd. Sie sitzen zusammen in einem gemütlichen Holzzimmer mit Pflanzen und Sonnenlicht, das durch ein Fenster fällt. Beide sehen glücklich und beschäftigt aus.Lebenshilfe Österreich
Warum sind Sonder-Schulen keine Lösung? Wie sieht es in Österreich aus? Und was können wir von Italien lernen? Diese Fragen beantwortet Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich, in einem Kommentar in der Zeitschrift Menschen.

Lilli Thayer besucht die 1. Klasse der Oberstufe eines Gymnasiums. Sie geht in den musischen Zweig, hat enge Freundschaften, liebt Englisch, interessiert sich für die Formel 1, geht gern zur Schule und natürlich ist sie in der WhatsApp-Klassen-Gruppe. Im letzten Schul-Jahr hat sie mit ihrer Klasse sogar ein Musical aufgeführt. Klingt ganz normal, oder?

Das Besondere:

Lilli hat eine Mehrfach-Behinderung und damit einen hohen Unterstützungs-Bedarf. Aufgrund eines seltenen Gen-Defekts ist sie auf einen Rollator angewiesen, sie hat Schwierigkeiten beim Sprechen, lernt nach einem individuellen Lehr-Plan und wird von einer Integrations-Fachkraft begleitet. Früher musste sie auch oft für längere Zeit ins Krankenhaus. Und das funktioniert – weil Lilli in Südtirol lebt. Dort, wie überall in Italien, hat jedes Kind das Recht, eine Regel-Schule zu besuchen.

Im Frühjahr 2025 habe ich sie in Bozen kennengelernt. Ich sprach auch mit ihrer Mutter, ihren Lehrer*innen und Mitschüler*innen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie Schule aussehen kann, wenn alle Kinder selbstverständlich dazugehören. Als ich ihre Klassen-Kamerad*innen fragte, ob sie anfangs Berührungs-Ängste hatten, schauten sie mich nur erstaunt an. Inklusion ist für sie alle völlig normal – seit dem Kindergarten.

Von Österreich nach Italien

Lillis Mutter Claudia stammt aus Österreich. Eigentlich sollte Lilli in ihrer Heimat-Gemeinde in Salzburg in den Kindergarten gehen – und danach in eine Regel-Schule. Doch von den Behörden kam der Verweis auf die große, neu gebaute Sonder-Schule in der Nähe: „Gehen Sie doch dorthin – für Assistenz-Stunden und Inklusion fehlen uns die Ressourcen.“ Also zog die Familie nach Südtirol, in die Heimat von Lillis Vater. Dorthin, wo Sonder-Schulen bereits 1977 per Gesetz abgeschafft wurden.

Wie sieht die aktuelle Situation in Österreich aus?

Wann haben wir in Österreich endlich den Mut, es Italien gleichzutun? Seit der Unterzeichnung der UN-Behinderten-Rechts-Konvention im Jahr 2008 haben wir sogar die Verpflichtung dazu, trotzdem finanzieren wir seit Jahrzehnten ein teures Parallel-System – eines, das hochqualifizierte Fachkräfte bindet, die in der Regel-Schule gebraucht werden und Kinder trennt, statt sie zusammenzubringen.

Gerade erleben wir massive Rückschritte im Bereich der Schul-Inklusion. Da bekommen Eltern in der Steiermark ein Schreiben der Schul-Behörde, in dem ihre Kinder als „de facto nicht schulfähig“ bezeichnet werden. Das Land Oberösterreich und die Stadt Linz planen den Bau neuer Sonder-Schulen, den sie mit dem steigenden Bedarf argumentieren. Eine Landesrätin in Salzburg glaubt, Schul-Inklusion sei nur Sozial-Romantik. Und im Sommer beschloss der Wiener Gemeinde-Rat den Ausbau von heil-pädagogischen Kindergarten-Gruppen, also die Absonderung von Kleinkindern im Bereich der Elementar-Bildung.

Immer wieder bringt die Politik dabei die Wahl-Freiheit ins Spiel und gibt vor, die Wünsche von Angehörigen berücksichtigen zu wollen, wenn sie für den Erhalt oder gar den Ausbau von Sonder-Schulen plädiert. Doch Wahl-Freiheit heißt eigentlich nur, dass alles so bleibt, wie es ist. Wahl-Freiheit ist eine faule Ausrede dafür, nichts an einer Kultur der Ausgrenzung zu ändern und ein teures Sonder-Schul-System weiterzuführen, während Kinder-Rechte weiter missachtet werden.

Vorurteile gibt es viele…

Oft höre ich: „Aber in der Sonder-Schule werden Kinder mit sehr schweren Beeinträchtigungen doch besser gefördert, sie sind dort gut aufgehoben.“ Angehörige berichten mir, dass sie nur in der Sonder-Schule das Gefühl haben, mit ihrem Kind willkommen zu sein und akzeptiert zu werden. Doch auch Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf können von einer guten, inklusiven Schule enorm profitieren.

Die Inklusions-Expertin Petra Flieger und Lehrerin Claudia Müller schildern in ihrem Buch „Basale Lernbedürfnisse im inklusiven Unterricht“ eindrucksvoll die Geschichte von Sandra, einem Mädchen mit hohem Unterstützungsbedarf, das über mehrere Jahre die Grund-Schule in Wiener Neudorf besuchte. Die Autorinnen zeigen mit ihrem Praxis-Bericht, dass es „keine Grenzen der Integration gibt, nur falsche oder schlechte Rahmen-Bedingungen.“

Welchen Mehrwert haben inklusive Schulen?

Sonder-Schulen sondern ab und fördern die soziale Exklusion. Kinder mit und ohne Behinderungen begegnen einander nie. Und so bleiben sie einander fremd – auch als Erwachsene. Dabei brauchen auch die „normalen“ Kinder die Lillis und Sandras dieser Welt dringender denn je.

Lillis Mutter erzählte mir in Südtirol, dass sich Eltern ehemaliger Mitschüler*innen immer wieder bedanken. Warum? Weil ihre Kinder durch das gemeinsame Aufwachsen mit Lilli Werte gelernt haben, die kein Schul-Buch und kein theoretischer Unterricht vermitteln und keine KI ersetzen kann: Mitgefühl, Empathie, Herzenswärme. Kinder, die heute bei uns noch abgesondert werden, sind oft die besten Lehr-Meister*innen für Menschlichkeit. Was könnte für die Bildung junger Menschen wichtiger sein?

Also: Schafft die Sonderschulen endlich ab! Zum Wohl aller Kinder.

PS: Dieser Kommentar von Philippe Narval erschien auch in der Zeitschrift Menschen Heft 5-6/2025.

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